Freitag, 24. März 2017
Eurovision 2017
Ich habe schon vor einiger Zeit erwähnt, dass der Eurovision Song Contest und die Politik eng miteinander verknüpft sind, auch wenn es Menschen gibt, die immer wieder das Gegenteil behaupten. Hier zur Erinnerung der Artikel:

https://klausgedanken.blogger.de/stories/2552762/

In dieser Saison kam ein weiteres Kapitel dazu, und ich möchte die Situation gern etwas detaillierter beschreiben, um meinen Standpunkt zu erklären.

Die Geschichte beginnt vor einigen Jahren, und zwar an zwei „Fronten“. Zum einen besetzten russische Truppen den Ostteil der Ukraine und die Krim, die fortan nach dortiger Definition als russisches Gebiet galt, was international jedoch nicht anerkannt wird. Zum anderen wurden unter Präsident Putin einige Gesetze in Russland erlassen, die beispielsweise für Homosexuelle starke Eingriffe in ihre Persönlichkeit bedeuteten.

Letzteres führte seit Jahren dazu, dass die Beiträge Russlands beim internationalen Wettbewerb immer wieder ausgebuht wurden; man kann sicher darüber streiten, ob es angebracht ist, den Protest an einer Regierung an dessen unbeteiligten Repräsentanten auszulassen, aber das ist hier nicht das Thema. Trotz dieser negativen Aufnahme vor Ort gelangen Russland immer wieder gute Platzierungen.

2014 wurde Österreich durch einen Travestiekünstler vertreten, der offen für die Rechte Homosexueller eintrat. Das Lied gewann den Wettbewerb, es sei dahingestellt, ob dieses Ergebnis ein Fingerzeig in Richtung Russland war; kommerziell erfolgreich waren nach dem Contest andere Lieder.

Im letzten Jahr, 2016, galt der russische Beitrag als Favorit, die Bühnenaufführung war spektakulär. Die Fernsehzuschauer bewerteten das Lied mit ihrer Höchstnote, insgesamt gewann allerdings der „Feind“, die Ukraine, und zwar mit einem Lied, das die Deportation der Bevölkerung der Krim nach Zentralasien durch die Sowjetunion 1944 thematisierte. Ob auch dies eine bewusste Provokation war – sei es der Text oder das Ergebnis – möchte ich ebenfalls nicht beurteilen.

Der Sieg dieses Liedes führte jedenfalls nach sich, dass die Ukraine in diesem Jahr, also 2017, Gastgeber des Eurovision Song Contest ist. Es dauerte lange, bis Russland seine Teilnahme bestätigte, danach hörte man zunächst – nichts. Es gab keine nationale Vorentscheidung, das Lied sollte intern ausgewählt werden. Die Ukraine wies allerdings vorsorglich darauf hin, dass ein Einreiseverbot für alle Personen besteht, die nach der russischen Besetzung die Krim besucht haben und die über Russland dorthin eingereist sind.

Knapp vor Meldeschluss präsentierte Russland dann seinen Eurovisionsbeitrag. Es handelte sich um „Flame is burning“, gesungen von Julia Samoylova, die als Kind bei einer Impfung erkrankte und seitdem auf den Rollstuhl angewiesen ist.



Allerdings ist Julia tatsächlich einmal auf der Krim aufgetreten, und die Ukraine reagierte, wenn auch mit etwas Verzögerung, wie erwartet: Die Sängerin erhielt ein Einreiseverbot, darf also nicht beim Wettbewerb in Kiew auftreten.

Die Entrüstung bei den Verantwortlichen in Moskau, aber auch bei vielen internationalen Beobachtern, war groß – es sei nicht fair, einer Behinderten ihren Lebenstraum zu zerstören, so war der allgemeine Tenor. Die veranstaltende EBU schlug den Kompromiss vor, dass der russische Beitrag in Russland aufgeführt wird und per Liveschaltung beim Wettbewerb in Kiew zugespielt wird, was aber beide Seiten aus unterschiedlichen Gründen ablehnten.

Dieser Vorfall wird in vielen Ländern von vielen Menschen kommentiert; überwiegend wird die Ukraine als hartherzig dargestellt. Ich bin anderer Meinung, und ich möchte sie gern darlegen.

Ich habe bereits erwähnt, dass die Ukraine bereits, als die Teilnahme Russlands bestätigt wurde, auf die Rechtslage hingewiesen hat. Russland hat bis zum letzten Moment gewartet, um seinen Beitrag zu nominieren, es gab also keine Zeit mehr für eine Alternative. Ich denke, es ist nur konsequent, wenn das Gastgeberland sein geltendes Recht anwendet, und der Zeitpunkt der Bekanntgabe des russischen Beitrag ist für mich ein Indiz, dass diese Vorschriften in Moskau hinlänglich bekannt waren, dass die Nominierung also eine bewusste Provokation war. Man wusste die internationale Öffentlichkeit hinter sich, weil man sich bewusst für eine behinderte Sängerin entschied und so quasi auf die Tränendrüse drückte.

Meine Meinung ist, dass Russland nie vorhatte, bei einem Wettbewerb in der Ukraine anzutreten, sondern einen perfiden Weg suchte, um den Kriegsgegner schlecht aussehen zu lassen, was ja offenbar auch gelang. Für diese Theorie spricht meines Erachtens auch, dass das Lied eine deutlich schlechtere Qualität hat als die Beiträge Russlands in den Vorjahren. Das angewandte Verfahren sieht nach einem Punktsieg Moskaus aus.

Den schwarzen Peter möchte ich auch und vor allem der EBU zuschieben. Wenn ihrer Meinung nach das Einreiseverbot nicht mit den Spielregeln vereinbar ist, hätte sie dies spätestens dann reklamieren müssen, als die Ukraine darauf hinwies. Als sie nach einem Kompromiss suchte, nachdem das Kind schon in den Brunnen gefallen war, zeugt dies von einem verzweifelten Versuch, eine Heile-Welt-Atmosphäre, die de facto nie existiert hat, aufrecht zu erhalten. Ebenfalls verwundert bin ich über die vielen Kommentatoren, die tatsächlich der Meinung sind, dass die Spielregeln einer Unterhaltungssendung höher anzusiedeln seinen als geltendes Landesrecht, und die deren Protagonisten den gleichen diplomatischen Status zusprechen möchten wie Politikern.

Ich denke, die Ukraine hat richtig gehandelt, auch wenn sie einen Teil der öffentlichen Meinung gegen sich hat. Und Russland hat schon angekündigt, dass es im nächsten Jahr wieder einen Beitrag, den Julia Samoylova singt, antreten will.

Ob es dazu kommt, wage ich allerdings zu bezweifeln. Meiner Ansicht nach müsste Russland für einige Jahre gesperrt werden, weil es mutwillig eine Nichtteilnahme verursacht hat, und zwar nach dem Anmeldeschluss. Ich erinnere mich an den Wettbewerb 2005, als der Libanon bereits sein Lied präsentiert hatte, dann aber erklärte, dass er nicht bereit sei, den israelischen Beitrag auszustrahlen und sich, als es auf den Verstoß gegen die Spielregeln hingewiesen wurde, kurzfristig zurückzog. Damals waren eine zweijährige Sperre und eine Geldstrafe die Konsequenz, der Libanon hat nie wieder den Versuch unternommen, beim ESC anzutreten.

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Mittwoch, 22. März 2017
Freiheit
Ich habe mich vor ein paar Tagen privat mit einem Sprachschüler getroffen, um ihm die Geschichte Kiels und das Zentrum der Stadt zu zeigen. Leider ist von den historischen Bauwerken nicht mehr allzu viel zu sehen, im Zweiten Weltkrieg wurden viele Gebäude zerstört.

Der junge Mann kommt aus Afghanistan, er ist Mitte 30, verheiratet und hat drei Kinder. Er spricht schon wirklich gut Deutsch, sodass eine angeregte Konversation entstand - wir haben fünf Stunden miteinander verbracht, die Zeit verging wie im Flug.

Es ist für mich immer interessant, die Individuen kennen zu lernen, in den Kursen führe ich meist Gespräche mit der ganzen Gruppe, nur gelegentlich helfe ich Einzelnen, z.B. wenn sie einen Bescheid nicht komplett verstehen.

Der Schüler, nennen wir ihn Abdul, erzählte mir, wie anders das alltägliche Leben in seiner Heimat ist. Auch wenn er schon einige Zeit in Deutschland lebt, ist er immer wieder erstaunt, wie selbstverständlich und alltäglich einige Dinge sind, die zuhause für ihn undenkbar waren. Wir haben zusammen ein Bier getrunken, es war der erste Alkohol seines Lebens, und Abdul war verblüfft, wie locker ich mich mit der (weiblichen!) Bedienung unterhielt, die ihn auch gleich ins Gespräch einbezog.

Ich habe Abdul gesagt, dass mir die vielen persönlichen Freiheiten, die wir in Europa haben, sehr wichtig sind, und dass ich ohne sie nicht leben möchte. Ich kann innerhalb der bestehenden Gesetze wählen, was ich möchte, aber auch, was ich nicht möchte. Ich habe ihm aber auch aufgezeigt, dass meine eigene Freiheit da Grenzen hat, wo sie die eines Anderen berührt. Was für mich richtig ist, kann für mein Gegenüber unangenehm oder sogar falsch sein, und auch das muss ich respektieren. Der Idealfall ist also der, dass zwei Personen, die miteinander kommunizieren, ähnliche Wertvorstellungen haben.

Ich glaube, Abdul hat in diesen paar Stunden mehr über das Leben hierzulande gelernt als in den Monaten zuvor, und er hat gesehen, dass jede Freiheit auch Spielregeln braucht, die nicht überschritten werden dürfen oder sollen.

Abdul erzählte mir offen, dass er mit einigen Gegebenheiten in Deutschland noch immer fremdelt, weil sie zu konträr zu seinem früheren Leben sind. Ich habe ihm gesagt, dass das in Ordnung ist, solange er nicht versucht, seine Lebensweise seiner Umwelt aufzudrängen.

Ich fand unseren gemeinsamen Abend sehr anregend und unterhaltsam, gern möchte ich ihn wiederholen - oder beispielsweise einmal mit der ganzen Familie ein Eis essen gehen. Ich hoffe, dass auch Abdul unsere Zeit so positiv empfunden hat.

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Montag, 20. März 2017
Damals
Genau heute vor zehn Jahren habe ich Deutschland verlassen und bin in die Türkei gezogen. Mein Wohnsitz war Istanbul.

Ich kannte das Land und die Stadt aus vielen Besuchen in den Vorjahren, und ich hatte einen Freundes- und Bekanntenkreis vor Ort. Ich liebte die Mentalität der Bevölkerung, die Sprache, die ich langsam lernen musste, die Kultur und die Lebensart.

Ich fühlte mich, was viele Menschen nicht nachvollziehen können, von Anfang an wohl, anfangs ohne Wohnung (ich schlief bei einem Bekannten in einem Hinterzimmer eines Restaurants), ohne Arbeitsplatz, mit rudimentären Sprachkenntnissen und mit wenig Geld. Meine Nachbarn, die ich zuvor nicht kannte, gaben mir von Anfang an das Gefühl, dass ich einer von ihnen war; ich genoss das Nachtleben, aber nicht in den Lokalitäten, die von Touristen frequentiert wurden, sondern zusammen mit den Einheimischen.

Istanbul war schon 2007 traditioneller als noch fünf Jahre zuvor, und diese Entwicklung setzte sich von Monat zu Monat fort. Ich sah immer mehr Frauen mit Kopftüchern - diese waren mir z.B. 2002 noch gar nicht aufgefallen. Trotzdem bemühte sich das Land damals noch, Anschluss an die EU zu bekommen.

Mein gesundheitlicher Zustand brachte mich dazu, das Land Ende 2009 wieder zu verlassen. Schon damals wurde immer mehr klar, dass Erdoğan den Plan hatte, mehr islamische Lebensart und weniger westliche Kultur zu etablieren. Einige meiner Istanbuler Freunde zogen die Konsequenz und verließen das Land, in den Folgejahren wurden es immer mehr, sie leben jetzt in den Niederlanden, in Frankreich, den USA, Kanada, Frankreich und Schweden.

Heute könnte ich mir nicht mehr vorstellen,nach Istanbul zurückzukehren, in die Stadt, die ich zeitweise als meine Heimat betrachtete. Ich freue mich über die zahllosen Erinnerungen und werde wehmütig, wenn mir klar wird, dass diese Zeit für immer verloren ist.

Erdoğan hat sich in den vergangenen Monaten und Wochen als das offenbart, was er immer war: Ein kleiner realitätsfremder Giftzwerg. Ich mache mir Sorgen um die wenigen Einheimischen, die noch in der Türkei verblieben sind, und die, wie jeder rational denkende Mensch, natürlich komplette Gegner der Wahnwitzigen sind.

Nächsten Monat folgt also die Abstimmung darüber, ob man einem gemeingefährlichen Irren noch mehr Macht geben soll, als er ohnehin schon hat. Das Schlimme ist, dass nicht wenige seiner Landsleute seinen aus den Luft gegriffenen Lügen mehr Glauben schenken als der Realität. Auch dort hat das "postfaktische Denken" also Einzug gehalten. Ich bezweifle, dass diese stumpfen Gestalten auch nur annähernd die Tragweite der Abstimmung begreifen. Es ist eben keine reguläre Wahl, die turnusmäßig alle paar Jahre stattfindet, sondern eine einmalige und endgültige Entscheidung.

Ich bewundere die Bundesregierung, die sich durch aberwitzige und haltlose Provokationen nicht zu verbalen Gegenschlägen hinreißen lässt; allerdings bemerke ich, dass Erdoğans Politik auch hierzulande schon tiefe Risse hinterlassen hat, auch ohne einige der geplanten Auftritte seiner willenlosen Marionetten. Es gibt nur "Evet" oder "Hayır", Ja oder Nein zur Verfassungsänderung, eine Haltung dazwischen wird immer unmöglicher.

Lustig finde ich, dass einige von der AKP Verblendete "vermuten", dass Deutschland Partei gegen Erdoğan ergreift. Ja, natürlich ist das so, und das muss auch so sein, mit allen verfügbaren Menschen. Merkwürdig, dass sich diese Leute auf europäische Grundrechte wie Meinungs- oder Versammlungsfreiheit berufen, wenn sie diese in eigenen Land schon längst abgeschafft haben.

Eigentlich bin ich der Meinung, dass das Ergebnis der Abstimmung längst feststeht; die immer aberwitzigeren Eskapaden des Schreihalses aus Ankara lassen allerdings trotzdem so etwas wie Torschlusspanik vermuten.

Aber egal, wie die Entscheidung ausfällt, das Istanbul und die Türkei, die ich geliebt habe, sind verloren, und es wird viele Generationen dauern, sie wieder aufzubauen.

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Montag, 9. Januar 2017
Analyse
Ich habe gestern versucht, mich selbst zu analysieren – so als ob ich wie eine außenstehende Person möglichst objektiv eine Bestandsaufnahme durchführe. Das ist sehr schwierig, vermutlich letztendlich sogar unmöglich, aber es hat mir zumindest dabei geholfen, für mich selbst Ziele zu finden, so konkret wie möglich, so vage wie nötig. Auch wenn ich damit ein paar Tage zu spät kam, war es eine Art Bilanz zum Jahreswechsel.

Auch in den letzten Monaten haben sich Menschen, mit denen ich in mehr oder gutem Kontakt war, von mir abgewendet oder sich zurückgezogen, ausnahmslos ohne Ankündigung oder Begründung, teilweise bin ich eher zufällig darauf gestoßen, dass sie nichts mehr mit mir zu tun haben wollen. Ich habe lange aufgehört, diese Personen noch einmal anzusprechen, ich kenne die Gründe nicht, aber ich gehe davon aus, dass es sie gibt. Da kein Gesprächsbedarf bestehe, muss ich konstatieren, dass die Entscheidung gut durchdacht ist und dass meine Meinung dazu nicht erforderlich ist. Ich akzeptiere es, ich bin nicht der Typ, der Vergangenem nachweint, ich habe mich immer auf die jeweils aktuelle Situation eingestellt.

Ich habe seit Jahren einen großen Wunsch, ich möchte gern eine oder idealerweise ein paar Personen kennen, mit denen ich diskutieren kann – und zwar von Angesicht zu Angesicht, ich stehe reinen Internetbekanntschaften immer noch kritisch gegenüber. Mich interessieren andere Meinungen zu meinen Standpunkten durchaus, ich würde mich auch freuen, wenn sie hinterfragt werden. Ich hatte viele Jahre lang Leute um mich, mit denen ich kontroverse Diskussionen führen konnte, bei denen ich aber eine grundsätzlich positive Einstellung mir gegenüber sah, auch wenn wir bei einigen Gedanken kollidierten. Diese Gespräche vermisse ich sehr, ich denke nach wie vor, dass ich auf dem richtigen Weg bin, doch ich würde mich sehr freuen, wenn ich Aspekte hören könnte, die ich vielleicht bislang nicht in Erwägung gezogen habe.

Ich habe bei allen finanziellen Einschränkungen immer wieder die Öffentlichkeit gesucht und Lokale aufgesucht, wo ich eine Kleinigkeit essen oder etwas trinken konnte, immer in der Hoffnung, dass damit auch Gespräche verbunden sind. Letzteres bewahrheitete sich leider selten, ich habe mir selbst daher einen Kurswechsel verordnet – konkret suche ich andere Orte auf.

Meine eigene Situation missfällt mir, aber ich akzeptiere sie, was würde es ändern, wenn ich anfinge zu lamentieren. Dazu kommt, dass ich mich in meiner Umwelt – national und weltweit – immer weniger wohl fühle. Aber auch hier gilt, dass ich die vorhandenen Gegebenheiten so gut wie möglich akzeptieren muss.

Ja, ich habe einige wenige Wünsche an das neue Jahr, wie in den vergangenen Jahren auch. Sie sind nicht materiell, und sie wären nicht allzu schwierig zu realisieren. Aber der Anstoß dazu kann nicht ausschließlich von mir kommen, Einbahnstraßen wären nicht konstruktiv. Natürlich ist mir klar, dass ich nicht jünger werde, aber der zeitliche Aspekt löst in mir keine Panik aus. Wenn ich zum Jahresende an der gleichen Stelle stehe wie jetzt, ist es eben so.

Derzeit habe ich den Wunsch an drei ganz konkrete Personen, dass es einmal zu einem Treffen und zu einem stundenlangen Gespräch kommt. Ich bin zu desillusioniert, um diese Zusammenkünfte selbst zu forcieren, aber auf jedes Anzeichen von Bereitschaft hierzu würde ich sehr positiv reagieren.

Ich gebe nach wie vor nicht auf. Aber das reine Überleben wird immer eintöniger für mich.

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Sonntag, 8. Januar 2017
Glätte
Wenige Tage nach der Sturmflut war die Wetterlage gestern in Kiel wieder sehr unangenehm; Grund dafür war Glatteis. Seit Tagen hatte es gefroren, für den Samstagnachmittag waren aber höhere Temperaturen angesagt. Diese machten sich schon am Morgen in Form von Sprühregen bemerkbar. Dieser war kaum sichtbar, da aber der Boden gefroren war, konnte er dort nicht einsickern, sondern legte sich als feine Eisschicht über Wege und Straßen. Optisch kaum wahrnehmbar wurde er dort zu einer Gefahr, wie die Rettungskräfte sehr schnell merkten, denn viele Leute wähnten sich zu sicher, eben weil sie das Eis nicht sehen konnten.

Auch ich selbst war betroffen, glücklicherweise bin ich nicht zu Schaden gekommen. Ich hatte mit dieser Glätte erst am Nachmittag gerechnet, wenn der angesagte Regen auf den gefrorenen Boden trifft; aus diesem Grund hatte ich ein paar Einkäufe auf den Vormittag gelegt. Den Weg nutzte ich, um Abfall in den Mülltonnen auf dem Hof zu entsorgen. Schon bei diesen wenigen Metern merkte ich, dass mein ohnehin gestörtes Gleichgewicht ungeahnten Herausforderungen ausgesetzt war. Ich hangelte mich an der Hauswand zurück zum Eingang und kalkulierte schnell: Ich habe mir bei einem Sturz vor anderthalb Jahren beide Arme angebrochen, was ich auf jeden Fall vermeiden wollte. Für den Weg zum Supermarkt musste ich zwei Kopfsteinpflasterstraßen überqueren, die für Glätte besonders anfällig sind. Und meine Vorräte reichten problemlos aus, um das Wochenende ohne zusätzliche Einkäufe zu überstehen, auch wenn ich dann beispielsweise auf frisches Gemüse verzichten musste.

Die Schlussfolgerung konnte nur sein, den geplanten Einkauf zu unterlassen. Die Sanitäter und anderen Hilfskräfte hatten ohnehin reichlich zu tun, warum sollte ich ihnen noch zusätzlich zur Last fallen.

So ernähre ich mich von Konserven und Tiefkühlkost, bin aber unversehrt, und das ist mir lieber als ein vitaminreiches Essen im Krankenhaus.

Für die nächsten Tage ist eine Beruhigung des Wetters bei Temperaturen über 0°C angesagt. So kann ich meine Einkäufe genau wie meine wieder beginnenden Deutschkurse hoffentlich unbeschadet überstehen. Aber ich sehe, dass die momentane Lage bei mir Folgen hinterlässt: Ich habe in der letzten Nacht mehrmals geträumt, dass mich die Glätte zu Fall brachte, und dass mir niemand beim Aufstehen half – in ähnlichen Situationen war ich leider schon. Wenn ich also morgen wieder das Haus verlasse, wird ein mulmiges Gefühl bleiben.

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Samstag, 7. Januar 2017
Regina
Manchmal gehen die Gedanken merkwürdige Wege.

Ich kann wirklich nicht sagen, warum, aber gestern kam mir ein Geschmack in den Sinn, den ich als Kind sehr mochte. Es handelt sich um eine rötliche Limonade namens „Regina“. Sie war in der Heimat meiner Mutter, dem Emsland, recht verbreitet, bei uns in Kiel aber unbekannt. Gegenüber dem Haus meiner Verwandten in Meppen war eine Gastwirtschaft, und immer, wenn ich zu Besuch kam, lief ich sofort hinüber und bekam ein Glas Regina. Wenn uns mein Onkel und meine Tante in Kiel besuchten, brachten sie mir ein paar Flachen mit, die ich wie einen Schatz behandelte.

Die Farbe dieses Getränks war, wie gesagt, rötlich; im Tuschkasten war die Bezeichnung „zinnoberrot“. Der Geschmack war fruchtig, er ging in Richtung Zitrus, ließ sich aber, soweit ich mich erinnere, nicht näher festlegen – vermutlich war es ein reines Kunstprodukt.

Bei Recherchen im Internet habe ich gesehen, dass Regina immer noch hergestellt und verkauft wird:

http://www.salvus.de/de/salvus-regina/

Ich würde gern wieder einmal ein Glas davon trinken, aber hier fangen meine Schwierigkeiten an. Wie kann ich herausfinden, ob und wo Regina irgendwo in Kiel und Umgebung erhältlich ist – sei es im Geschäft oder in der Gastronomie? Zu gern wüsste ich, ob mir der Geschmack heute noch so gut gefällt wie damals.

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Freitag, 6. Januar 2017
Danke
Ich möchte mich heute ohne konkreten Anlass bei den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten bedanken. Ich fühle mich rundum gut informiert und unterhalten, und die mittlerweile existierende Vielfalt der Sender bietet mir rund um die Uhr genau die Programme, die ich gern konsumieren möchte.

Ich habe vor einigen Jahren die Anzahl der Quellen, die ich verfolge, bewusst reduziert; ich sehe nicht mehr fern, weil ich den Eindruck habe, dass ich dort nicht zur Zielgruppe gehöre; ich habe kein TV-Gerät, nutze allerdings gelegentlich die Möglichkeit, einzelne Sendungen im Internet zu verfolgen. Mein Schwerpunkt hat sich in Richtung Radio verlagert, und dort nutze ich die vielen unterschiedlichen Angebote, die da gemacht werden. Mein Stammsender ist NDR 2, immer öfter schalte ich WDR Cosmo (früher Funkhaus Europa) ein, und gelegentlich wechsle ich zu weiteren NDR-Programmen oder zum Deutschlandfunk. Ich verzichte auf die privaten Mitbewerber, auch auf das früher von mir geschätzte R.SH, weil mir die Informationen dort einfach zu dürftig sind. Ich schätze es sehr, wenn neben gut recherchierten Nachrichten auch fundierte Kommentare gesendet werden.

Daneben verfolge ich auch ausgewählte Print-Erzeugnisse, allerdings schon aufgrund der Aktualität meist in der Online-Version. Hier habe ich mich auf etwa zehn 10 Quellen aus vier verschiedenen Ländern eingespielt, die ich mehrmals täglich abrufe.

Das Thema "Fake-News" hat in letzter Zeit immer mehr an Bedeutung gewonnen. Sicher bin auch ich der Meinung, dass man diese Falschmeldungen, wenn dies möglich ist, unterbinden sollte; allerdings sehe ich hier auch eine Verantwortung bei den Konsumenten. Es erschreckt mich, wenn ich bemerke, dass immer mehr Menschen Informationen als Fakten akzeptieren, ohne diese auch nur ansatzweise zu hinterfragen. Wenn ich eine neue Information bekomme, versuche ich, diese bei mehreren Quellen zu verifizieren, insbesondere dann, wenn ihr Inhalt aus irgendwelchen Gründen brisant ist. Es gibt Medien, die Neuigkeiten immer sehr schnell verbreiten; hier warte ich ab, bis auch solche Mitbewerber, die für gründlichere Recherche bekannt sind, diese bestätigen. Mir sind profunde Informationen wichtiger als schnell verbreitete Nachrichten, die eventuell später korrigiert oder gar zurückgerufen werden müssen.

Durch die Auswahl meiner Quellen erreichen mich die meisten dieser Fake-News gar nicht; gelegentlich werde ich aufgrund von Facebook-Einträgen auf sie aufmerksam gemacht, in diesen Fällen verfahre ich wie oben.

Ich bin mit der Mischung, wie ich sie zum Informationsgewinn praktiziere, sehr zufrieden und fühle mich immer, wenn ich es will, gut unterrichtet und unterhalten. Was will man mehr? Übrigens verursacht es bei mir bestenfalls ein Kopfschütteln, wenn ich merke, dass die Leute, die über die "Lügenpresse" schimpfen, gerade diese konsumieren.

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Donnerstag, 5. Januar 2017
Die Flut
Die Flut war angekündigt, und sie hat uns stärker erwischt als erwartet und befürchtet. Statt der erwarteten 1,50 m erreichte der Pegel stellenweise über 1,80 m über der Normalhöhe.

Das Gute zuerst: Offenbar sind keine Personen zu Schaden gekommen. Dafür hat das Wasser zahlreiche materielle Schäden angerichtet; Keller liefen voll, Autos, die trotz der Warnhinweise in Ufernähe geparkt waren, wurden ebenfalls Opfer der Flut. Viele Straßen wurden überspült, in einigen Orten wurden die Uferpromenaden beschädigt. Restaurantbesitzer, die leichsinnigerweise die Stühle und Tische im Außenbereich nicht gesichert haben, müssen diese jetzt suchen. In einigen Städten suchten sich entsorgte Weihnachtsbäume ihren Weg. Mancherorts wurden Steilküsten unterspült und bröckelten ab. Die Temperaturen sind deutlich gesunken, sie betragen jetzt um die 0°C, sodass das Wasser auf den Straßen gefriert.

Heute und morgen möchte ich die Hilfskräfte bei ihren Aufräumarbeiten in keiner Weise behindern, aber am Wochenende werde ich mir ansehen, welche konkreten Schäden die Flut in Kiel angerichtet hat. Dass die Stadt in den Radionachrichten selten erwähnt wurde, lässt mich hoffen, dass diese eher gering sind.

http://www.shz.de/regionales/schleswig-holstein/panorama/netz-fotos-so-schoen-kann-sturmflut-sein-id15757906.html

http://www.ndr.de/nachrichten/schleswig-holstein/Aufraeumen-nach-staerkster-Sturmflut-seit-2006,sturm2152.html

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Mittwoch, 4. Januar 2017
Wetter
Ich habe eine sehr unruhige Nacht hinter mir, ich habe kaum geschlafen. Grund dafür ist der Regen, der unaufhörlich an mein Fenster prasselte; für mich klang es, als würde es hereinregnen, mehrmals bin ich aufgestanden, um zu überprüfen, dass dies wirklich nicht der Fall ist.

Hier in Schleswig-Holstein ist es nicht so kalt wie in anderen Gegenden Deutschlands, Schnee und Eis sind hier kein Thema, dafür aber der besagte Regen gepaart mit starkem Wind, der zeitweise die Stärke 11 erreicht. Und das ist selbst für uns keine leichte Brise mehr.

Diese Wetterlage wird in den nächsten Stunden, vermutlich am Abend, zu einem anderen Phänomen führen, nämlich zu einer Sturmflut an der Ostsee. Für alle Leser, die mit den hiesigen Gegebenheiten weniger vertraut sind, eine kurze Erklärung: Anders als an der Nordseeküste gibt es an der Ostsee keine Gezeiten, das ist auch der Grund, warum man bei uns keine Deiche findet. Momentan ist es so, dass der starke Wind viel Wasser von der Nordsee in die Ostsee drückt. Für den Nachmittag ist eine deutliche Wetterberuhigung angesagt, und dieses überschüssige Wasser fließt dann zurück. Dadurch entsteht dann besagte Sturmflut. Angesagt sind 1,50 Meter über dem normalen Wasserstand, was angesichts der hohen Fluten an der Nordsee wenig erscheinen mag, aber wie bereits ausgeführt, trifft das Wasser relativ ungebremst auf die Küste. Ich hoffe, es wird nicht zu größeren Schäden kommen; persönlich werde ich nicht betroffen sein, der Stadtteil, in dem ich wohne, liegt relativ hoch.

Vielleicht sind es in der nächsten Nacht nicht die Regentropfen, sondern die Notfallsirenen, die mich nicht schlafen lassen.

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Dienstag, 3. Januar 2017
Ähnlichkeiten
Ich mag den aktuellen Hit von Rihanna, und ich freue mich jedes Mal, wenn ich ihn im Radio höre. Aber: Bin ich der Einzige, der starke Ähnlichkeiten zu einem Lied der belgischen Gruppe Vaya Con Dios aus den 1990ern hört?




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Montag, 2. Januar 2017
Frage
Heute nur eine kleine Frage, die mich beim Durchsehen der aktuellen Meldungen interessiert: Was bitte ist an dem Begriff "Nafri" (den ich übrigens für sehr gelungen halte) diskriminierend?

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Sonntag, 1. Januar 2017
Es geht weiter
Ich habe in meinen letzten Einträgen die Befürchtung geäußert, dass sich 2017 die negativen Strömungen des Vorjahres fortsetzen, vielleicht sogar verstärken. Das neue Jahr war erst wenige Minuten alt, in Deutschland hatte es noch gar nicht begonnen, als mein Pessimismus bestätigt wurde. Ein Attentäter stürmte eine Silvesterfeier im Istanbuler Nachtclub "Reina" und tötete zahlreiche Menschen, viele weitere wurden verletzt. Nähere Hintergründe sind noch nicht bekannt, und ich gehöre nicht zu den Leuten, die sofort Spekulationen Glauben schenken und - was ich für unverantwortlich und gefährlich halte - weiter verbreite. Tatsache ist bislang nur, dass es wieder einmal einen Anschlag gab, und dass wieder einmal ein Ziel in der Türkei betroffen war.

Ich möchte jetzt nicht anfangen, irgendwelche Schuldzuweisungen auszusprechen, oder pauschal bestimmte Gruppierungen oder Bevölkerungsgruppen verantwortlich zu machen, wie dies oft bei solchen Ereignissen geschieht. Meine Gedanken sind jetzt viel persönlicher, ich denke an den Ort des Geschehens, das "Reina".

Der Club liegt direkt am Bosporus, in unmittelbarer Nähe zu einem der Brückenpfeiler, auf der europäischen Seite der Stadt. Einmal habe ich ihn besucht, 13 Jahre ist das jetzt her. Es war eine Einladung zu einer Veranstaltung, privat bin ich nicht ins "Reina" gegangen, zum einen wegen der hohen Preise, zum anderen, weil es in unmittelbarer Nähe zu meinem damaligen Wohnort zahlreiche Alternativen gab. Ich erinnere mich an angenehm ausgestattete Räumlichkeiten, wenn mich nicht alles täuscht, gab es auch eine Terrasse direkt am Wasser. Das "Reina" zählt zu den bekanntesten Orten im Nachtleben Istanbuls.

Wieder einmal versuche ich, herauszufinden, ob einer meiner noch in Istanbul lebenden Freunde oder Bekannten von dem Anschlag betroffen ist, ich glaube es allerdings nicht; wie soll ich es ausdrücken - das "Reina" war nicht unsere Welt.

Jetzt wäre eine schöne Gelegenheit, wieder einmal Plattitüden von mir zu geben - nirgendwo ist man sicher, wir dürfen uns nicht vom gewohnten Leben abhalten lassen, jetzt erst recht... ich verzichte darauf, denn ich denke, dass mittlerweile jeder eine Entscheidung getroffen hat, wie er mit solchen Nachrichten umgeht. Ich hoffe nur, dass sie nie dergestalt zur Gewohnheit werden, dass wir sie nur noch mit einem Achselzucken zur Kenntnis nehmen.

2017, es bestehen gute Chancen, dass du ebenso unbeliebt wirst wie dein Vorgänger.

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Samstag, 31. Dezember 2016
Guten Rutsch!
Gerade bin ich zufällig auf die Neujahrsansprache des von mir sehr geschätzten Rayk Anders gestoßen – offenbar schätzt er die gegenwärtige Lage ähnlich wie ich ein.



Nichtsdestotrotz werde ich an einer Tradition festhalten, die mich mittlerweile 36 Jahre begleitet: Wann immer es mir möglich ist, ist das erste Lied, das ich an einem 1. Januar höre, „Happy New Year“ von ABBA, und so werde ich es, wenn nichts Unvorhergesehenes dazwischen kommt, auch diesmal halten.



Allen Lesern meiner Einträge wünsche ich ein frohes neues Jahr – machen wir das Beste daraus, auch wenn es schwer fällt!

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Freitag, 30. Dezember 2016
Jahresende
Das Jahr 2016 geht zu Ende, und ich kann nicht sagen, dass ich dies bedaure. Ich empfinde es als das unangenehmste, das ich bisher erlebt habe, gar nicht mal was meine Person angeht, diesbezüglich war es eher ereignislos, sondern was die Entwicklungen vieler Art weltweit angeht.

Ich muss in diesen Stunden an 1985 zurückdenken; ich hatte damals zwei Gedanken, an die ich mich gut erinnere, und die ich im Nachhinein erstaunlich finde. Mir war klar, dass ich es später als das angenehmste Jahr meines Lebens empfinden werde, und dass ich die Art, wie ich meine Umwelt empfinde, dann nicht mehr nachempfinden kann, sondern dass ich von meinen Gedankengängen nur noch eine ungefähre Ahnung habe.

1985 – ich war 20 Jahre alt, also in der „Blüte meiner Jugend“. Mein drittes Ausbildungsjahr begann, ich wohnte noch bei meinen Eltern, hatte zahlreiche Berufsschulblöcke, die mir viel Spaß machten, auch wegen der Kollegen, die ich dort immer traf. Ich hatte meinen Hund, den ich noch immer schmerzlich vermisse, meine Großeltern, die ich sehr verehrte, lebhafte Abende in Kiels Nachtleben – Pfefferminz, Flip, Voilà, vielleicht erinnern sich ältere Kieler an diese Namen. Zum ersten Mal in meinem Leben bezahlte ich meinen Urlaub selbst – drei Wochen Malia auf Kreta – und zum ersten Mal betrat ich ein Flugzeug. Handy oder Internet waren noch nicht erfunden, die Musik kam noch von Vinylschallplatten und Musikcassetten. Politisch war es für mich eine sonderbare Situation, viele Leute warnten vor den Gefahren des Kalten Krieges zwischen den USA und der UdSSR, die Grünen verdanken dieser Angst ihren Aufschwung in jeden Jahren, ich war allerdings wenig beunruhigt – und das 80 Kilometer von der damaligen Zonengrenze entfernt. Das hatte einen ganz pragmatischen Grund: Ich kannte es eben nicht anders. Für mich hatte das damalige Kräfteverhältnis sogar etwas Beruhigendes, die Machtverhältnisse waren eingepegelt, ich glaubte trotz aller Unkenrufe nicht an eine konkrete Gefahr.

Ja, und im Gegensatz zu vielen Leuten, denen Fotos aus den 1980ern eher peinlich sind, mochte ich die Mode und die Musik, ich habe Schwarz und Neonfarben getragen, jegliche Haarfarbe ausprobiert, die irgendwie verfügbar war, ich mochte New Wave, auch in seiner düsteren Variante.

Also kurz gesagt: Ich fühlte mich rundum wohl, und ich wusste, wie ich eingangs beschrieb, dass es nie wieder so sein würde.

Und heute? Ich lebe nur wenige Fußminuten von meinem damaligen Zuhause entfernt, aber es kommt mir vor, als sei ich ein Fremder. Die erwähnten Lokalitäten gibt es lange nicht mehr, meine Umwelt wird mir immer suspekter, ich verstehe oft die Worte, die mir gesagt werden, nicht aber ihren Sinn. Ich sträube mich gegen viele Entwicklungen wie mobile Erreichbarkeit oder bargeldlose Zahlung. Die Weltordnung ist aus den Fugen geraten, der Islam, damals eine meist friedliche Randerscheinung, wurde als neues Feindbild aufgebaut und wehrt sich in seiner extremistischen Variante, dem Islamismus, was ich, ohne seine Mittel und Methoden in irgendeiner Weise gut heißen zu wollen, zu einem gewissen Grad sogar nachvollziehen kann. Die Weltoffenheit, die wir damals erkämpft haben, wird heute als negativ angesehen, was ich nie verstehen werde. Als Cassius Clay und Cat Stevens zu Muhammad Ali und Yusuf Islam wurden, nahm es die Öffentlichkeit schulterzuckend hin; mich würden die Reaktionen interessieren, wenn heute Prominente, gerade in den USA, diesen Schritt gingen. Ich fände es fürchterlich, um mich herum nur Deutsche zu sehen, auch deshalb engagiere ich mich in der Flüchtlingshilfe.

Ich hatte Recht, was meine Einschätzung zu 1985 anging. 2016 empfinde ich als einzige Katastrophe, an die ich mich später nicht gern erinnern werde. Ich bin gespannt, wie ich später darüber denke, ich fürchte, schon 2017 kann noch schlimmer werden.

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